Seerosen züchten - Wie entstehen neue Sorten

Fast alle im Handel erhältlichen Seerosen sind Hybriden. Sie entstanden aus der Kreuzung verschiedener Elternpflanzen und werden seit dem über Teilung des Rhizoms vermehrt und verkauft. Auch die wenigen größeren heimischen Seerosen, welche sich in der Natur sowohl über das Rhizom, als auch über Samen verbreiten würden, werden in der Kultur ausschließlich über das Rhizom vermehrt, weil dies oft einfacher ist und garantiert, dass die Eigenschaften der Pflanzen erhalten bleiben.

Möchte man nun eine neue Sorte erschaffen, geht dies nicht über Rhizomteilung, sondern über den Weg der geschlechtlichen Vermehrung. Ihr wisst schon, die Geschichte von den Bienchen und Blümchen…

Man muss also die Seerosen aus Samen ziehen.

Hat man nun zwei unterschiedliche Seerosen in seinem Garten und möchte diese miteinander kreuzen, kann man dies auf gut Glück den Insekten überlassen, oder aber die Bestäubung selber gezielt vornehmen, um die Chancen eines Erfolges zu vergrößern.

Aber ganz so einfach ist es leider nicht. Pollen von der einen Seerose nehmen und in die Blüte der anderen geben, funktioniert oft nicht, denn: Nicht alle Seerosen sind fruchtbar. 

Fertile Seerosen

Viele käufliche Seerosen sind teilweise oder sogar ganz steril und eignen sich nicht für die Zucht neuer Sorten. Der Grund dafür sind zum einen die Hybriden selbst, da bei Kreuzungen unterschiedlicher Pflanzen immer mal wieder unfruchtbare Nachkommen entstehen, aber oft sind es auch die Züchter, die besonderen Wert darauf legen, dass nur sterile Pflanzen in den Handel gelangen, damit kein anderer Züchter damit arbeiten kann. Allen voran ist hier Latour-Marliac zu nennen.

Wie kommt man nun aber als Anfänger zu der Information, welche Seerosen fertil sind, sich also für die Zucht eignen, und welche es nicht sind? Nicht jeder hat die Möglichkeit und den Platz, sich viele verschiedene Sorten zu kaufen und es einfach auszuprobieren.

Liste fertiler Seerosen

Zum Glück gibt es Hobby-Seerosenzüchter, die Ihr Wissen gerne mit anderen Teilen und so entstand eine Liste über Sorten, welche man als Ausgangspunkt für eigene Kreuzungen nutzen kann. Diese Liste hat mir zum Beginn meiner ersten Kreuzungsversuche sehr gut geholfen. Schade nur, dass sie nicht weiter fort geführt und ergänzt wurde.

Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, diese Liste mit Deiner Hilfe hier an dieser Stelle neu aufleben zu lassen.

Denn diese Liste enthält nur wenige Sorten. Jährlich kommen zahlreiche neue Seerosensorten auf den Markt, von denen sich einige als fertil heraus stellen könnten.

Doch wie findet man als Anfänger heraus, welche Seerosensorten fortpflanzungsfähig sind, wenn sie nicht in der Liste aufgeführt sind?

Fertilitätstest

Bei Seerosen lassen sich drei Varianten von Fertilität unterscheiden:

  • männlich fertil und weiblich steril -> die Pflanze eignet sich nur als Vaterpflanze (Pollenspender)
  • weiblich fertil und männlich steril -> die Pflanze eignet sich nur als Mutterpflanze (Samen)
  • männlich und weiblich fertil -> die Pflanze eignet sich sowohl als Vaterpflanze, wie auch als Mutterpflanze und könnte sogar mit sich selbst bestäubt werden (Reinzucht)

 

Mit dem Pollen-Fertilitätstest kann man herausfinden, ob die Pollen einer Seerose keimfähig, also fertil sind.

Hierzu benötigt man frische Pollen und Nektar von Seerosen. Diese mischt man zusammen und stellt sie bei Zimmertemperatur (ca. 22°C) für mindestens 4 Stunden dunkel. Danach gibt man einen Tropfen Nektar-Pollen-Gemisch auf einen Objektträger und schaut es sich unter dem Mikroskop an. Einfache Schülermikroskope sind meist schon ausreichend. Sind dann gekeimte Pollen wie in den nebenstehenden Bildern (meine Frau nennt es scherzhaft „Mondbilder“) sichtbar, dann hat man eine männlich fertile Pflanze. Je mehr gekeimte Pollen sichtbar sind, umso fruchtbarer ist die Seerose als Vaterpflanze.

Aus Mangel an ausreichend Nektar nutze ich in meiner Seerosenzucht auch selbst hergestellten künstlichen Nektar für diese Tests.

"Mondbild" - Seerosenpollen
Pollen unter dem Mikroskop ("Mondbild")
Gekeimter Seerosenpollen mit Pollenschlauch
gekeimter Pollen mit Pollenschlauch

Für die weibliche Fertilität gibt es leider keinen so einfachen Test.

Um herauszufinden, ob eine Seerose als Mutterpflanze in Frage kommt, muss man diese mit fertilem Pollen bestäuben und warten, ob sie eine Fruchtkapsel ansetzt, welche schließlich reife Samen frei gibt.

Das rechte Bild zeigt eine Fruchtkapsel, nachdem die Blütenblätter abgefallen sind.

Samenkapsel einer Seerose
Samenkapsel

Kreuzen verschiedener Seerosen

Nun haben wir Seerosen gefunden, die sich als Pollenspender eignen und welche, die wir als Mutterpflanze verwenden können. Überlassen wir jetzt den Insekten die Bestäubung, ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Kreuzung eher gering.

Durch gezielte Bestäubung per Hand steigen die Chancen erheblich. Doch hier kommt schon der nächste Haken.

Auf den genauen Zeitpunkt kommt es an

Wenn sich eine Seerosenblüte zum ersten Mal öffnet, ist sie weiblich. Man erkennt dies an dem Nektar, der sich in der Blüte befindet. Die glatten Staubblätter stehen nach oben und geben den Blick auf die Narbe (Stigma) frei.

Öffnet sich die Blüte am darauf folgenden Tag erneut, ist sie männlich und die Staubblätter geben die Pollen frei. Das Stigma ist dann trocken und die aufgeplatzten Staubblätter neigen sich nach innen.

Will man zwei ausgewählte geeignete Seerosen kreuzen, kommt es also auf den richtigen Zeitpunkt an. Man benötigt am selben Tag

  1. eine Blüte der Mutterpflanze, die sich gerade zum ersten Mal öffnet und noch Nektar in der Blüte aufweist
  2. eine Blüte der Vaterpflanze, welche mindestens schon den zweiten Tag (dritter oder vierter geht auch) geöffnet ist und Pollen frei gibt

Je mehr Seerosen am selben Tag blühen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei genannten Bedingungen zeitgleich zutreffen und eine Bestäubung durchgeführt werden kann.

Da mir auf Grund von Platz-Mangel oft nicht ausreichend blühende Seerosen zur Verfügung stehen, greife ich in meiner Seerosenzucht häufig auf gelagerte Pollen für die Bestäubung zurück.

Die Lagerfähigkeit (Erhalt der Keimfähigkeit) hängt sehr stark vom Grad der Fertilität der Pollen ab. Nur Pollen von sehr fertilen Sorten lassen sich über einen längeren Zeitraum lagern.

Weibliche Seerosenblüte mit Nektar
weibliche Blüte mit frischem Nektar
Männliche Seerosenblüte mit reifen Pollen
männliche Blüte mit reifen Pollen

Bestäubung

Hat man den richtigen Zeitpunkt erwischt, kann man die Pollen der männlichen Blüte ganz einfach beispielsweise mit einem Pinsel aufnehmen und in den Nektar der weiblichen Blüte geben. Der Einsatz eines Pinsels hat aber insbesondere bei Zwergseerosen den Nachteil, dass er den wenigen vorhandenen Nektar der weiblichen Blüte aufsaugt. Stattdessen schneidet man bei Zwergseerosen besser ein ganzes Staubblatt der Vaterpflanze ab und legt es mit der Pollenseite in den Nektar der Mutterpflanze.
Noch bessere Bestäubungsergebnisse habe ich in meiner Seerosenzucht erzielt, indem ich die Staubblätter der männlichen Blüte abschneide, in einen Behälter mit ausreichend Nektar gebe und die Pollen durch Schütteln auswasche. Anschließend wird der Nektar samt Pollen mit einer Pipette aufgenommen und in die weiblichen Blüte gegeben.
Vorsicht! – Nicht zu viel Nektar-Pollen-Gemisch in die Blüte geben, da es sonst vom Stigma herunter läuft und die Bestäubung fehl schlägt.
 
Ganz wichtig: Beschriftung nicht vergessen!
Am besten bringt man ein kleines Ettikett oder ähnliches an der Blüte an, auf der man die beiden Elternsorten notiert. Eine übliche Form wäre folgende:
 

„Sortenname der Mutterpflanze“ x „Sortenname der Vaterpflanze“

Evtl. schreibt man auch noch das Datum oder zumindest das Jahr der Kreuzung hinzu.
 
Es gibt mehrere Anzeichen für eine erfolgreiche Befruchtung, die man nach einer erfolgten Bestäubung beobachten kann:
  • die weibliche Blüte schließt sich am Tag der Bestäubung früher als gewöhnlich bzw. früher als alle anderen Blüten (dies kann ich aus eigener Erfahrung her nicht für alle Sorten bestätigen)
  • in den folgenden Wochen nach der Bestäubung senkt sich die Blüte unter Wasser. Wenn sich dabei der Stiel korkenzieherförmig aufwickelt, ist dies ein gutes zeichen. Bleibt er gerade, wird die Blüte höchst wahrscheinlich kurz danach abfaulen (auch hier sah ich schon Sorten, die trotz geradem Blütelstiel Samenkapseln ansetzten. Es scheint von der Seerosensorte und der Wassertiefe abhänig zu sein, in der die jeweilige Sorte optimal wächst)
  • sobald sich eine anschwellende Frucktkapsel (wie im Bild weiter oben) zeigt, kann man in den meisten Fällen von einem Erfolg ausgehen

Samenernte

Sobald die Samen reif sind, platzt die Samenkapsel auf und gibt die Samen ins Wasser frei. Zu diesem Zeitpunkt sind die Samen noch von einer Art Hülle umgeben, wodurch sie die ersten Tage schwimmfähig sind. Auf diese Weise würden sich die Samen in der Natur durch Wind und Wasserströmung weiter verbeiten. Nach wenigen Tagen lösen sich die Samen aus ihrer Umhüllung und sinken zu Boden, wo sie möglicherweise irgendwann beginnen zu keimen.

Möchte man die Samen gezielt einsammeln, fischt man sie am besten mit einem kleinen Kescher aus dem Wasser solange sie schwimmfähig sind. Noch einfacher geht es, wenn man gleich verhindert, dass sie im Wasser verstreut werden, indem man die Samenkapsel in ein Netz oder eine Tüte einpackt, bevor diese platzt.

Sobald man die Seerosensamen eingesammelt hat und sie sich aus der Hülle gelöst haben, kann bzw. muss man sie vor der Aussaat lagern.

 

Schwimmende Seerosensamen
Schwimmende Samen in Hülle

Lagerung der Samen

Samen von Winterharten Seerosen müssen unbedingt in Wasser gelagert werden und dürfen niemals austrocknen. Schon kurze Zeit ohne Wasser kann die Keimfähigkeit deutlich reduzieren.
Samen von tropischen Seerosen können oder müssen angeblich trocken gelagert werden, aber hierzu habe ich noch keine Eigenen Erfahrungen. In Wasser bei Raumtemperatur gelagert, keimen sie oft schon nach 3 bis 4 Tagen.
 
Damit die Samen von winterharten Seerosen später auch keimen, ist eine Kältebehandlung (Stratifikation genannt) notwendig, wie es zum Beispiel auch bei Apfelsamen der Fall ist. Diese Behandlung simuliert winterliche Bedingungen und dient der Überwindung der Samenruhe. Am einfachsten ist hier die Lagerung der Samen in einem wassergefüllten Schraubglas im Kühlschrank. Eigene Versuche haben gezeigt, dass die Mindestdauer der notwendigen Kältebehandlung von der jeweiligen Sorte abhängig zu sein scheint.

 

Aussaat

Sobald die simulierte Winterruhe vorrüber ist, kann man die Samen aussäen. Hierzu nimmt man eine kleine flache Schale oder Töpfe und füllt diese fast vollständig mit speziellem Substrat für Seerosen (Lehm-Sand-Gemisch, möglichst ohne Humus und frei von Torf). Diese Schalen stellt man in eine größere Schale oder ein kleines Aquarium und füllt vorsichtig genug Wasser hinein, bis der Wasserspiegel ca. 3 bis 4 cm über der Schale steht. Nun gibt man vorsichtig die Samen ins Wasser, sodass sie auf das Substrat absinken. Anschließend drückt man sie noch leicht an, aber nicht zu tief. Seerosensamen scheinen zumindest bei mir eher Lichtkeimer zu sein, aber es gibt auch gegenteilige Berichte.

 

Wachstum/Aufzucht

Bei Zimmertemperatur und genügend Licht beginnen die Samen schon bald zu keimen. Je nach Lagerung und Kreuzung kann die Keimrate sehr unterschiedlich sein. Ich selbst konnte schon Keimraten zwischen 0% und 100% beobachten. Auch die Keimdauer ist sehr unterschiedlich und Temperaturabhängig. Die kürzeste Keimdauer von Aussaat zur Keimung, die ich bei Raumtemperatur beobachten konnte, waren etwa 5 Tage. Allerdings hatte ich auch schon Samen, die nach 3 Jahren Lagerung im Kühlschrank gekeimt sind, als dieser im Sommer zu niedrig eingestellt war.

Als erstes zeigt sich bei den Samen eine kleine Art Antenne, die an einen Grashalm erinnert. Kurz darauf bildet sich die erste kleine Wurzel. Der nächste Entwicklungsschritt ist die Bildung eines ersten kleinen Unterwasserblattes (je nach Wasserstand kann es auch die Oberfläche erreichen). Dieses erste Blatt ist meist noch länglich oval geformt und weist noch nicht den typischen Blattspalt auf. Die nachfolgenden Blätter sind dann eher dreieckig und bilden langsam einen Spalt, der anfangs noch weit gespreizt ist und mit jedem weiteren Blatt weiter zusammen wandert. Mit jedem weiteren Blatt kann man den Wasserspiegel langsam anheben, bis er schließlich 10 bis 15 cm über dem Substrat ist. Abhängig vom Wachstum kann man die kleinen Pflanzen zwischendurch auch schon in separate Gefäße vereinzeln(pikieren).

Wenn ausreichend Beleuchtung vorhanden ist, bildet sich irgendwann das erste kleine echte Schwimmblatt. Man erkennt es schon oft kurz nach dem Austreiben aus dem Rhizom, weil es noch spitz zusammen gerollt ist und speerförmig senkrecht der Wasseroberfläche entgegen wächst. Fast dort angekommen, beginnt es sich langsam zu entrollen, bis es flach auf der Oberfläche aufliegt. Nun sieht es doch wirklich schon aus wie eine echte kleine Seerose.

Ab diesem Stadium kann man die jungen Pflanzen wie ausgewachsene Pflanzen halten und pflegen und bei geeigneter Größe (4 bis 5 Schwimmblätter an einer Pflanze) und geeigneter Jahreszeit in einen Kübel oder Teich ins Freiland setzen. Nach der Umsetzung der Jungpflanzen ins Freiland konnte ich oft eine Wachstumspause und teilweise sogar vollständiges Absterben der ersten Schwimmblätter beobachten. Oft erholen sich die Pflanzen aber schnell wieder und bilden rasch neue Unterwasser- oder Schwimmblätter. Als Hauptursache wird die höhere UV-Strahlung im Freiland vermutet.

 

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